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Andacht für den 11.07.2021 von Klaus Baltes

Andacht zum Anhören          

Musik von Tatiana Varshavskaya an der Orgel

Fantasia del Sigr. Telemann aus den dem Notenbuch für Wolfgang, von Leopold Mozart.

Fantasia von J. P. Sweelinck

EG396 Jesu, meine Freude

„Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“
                                                                                                              Markusevangelium 2, 5

Wer sind wir? – Wir sind ganz etwas anderes! 

Wer sind wir? - In Fernsehshows wird die Frage schon einmal beantwortet mit „Ich heiße…, ich bin so viele Jahre alt, ich arbeite als… und meine Hobbies sind… Vor den Augen der Zuschauer entsteht nicht etwa ein Bild des Betreffenden, sondern ein Klischee. Name, Alter, Beruf und Hobbies sagen so viel nun nicht über einen Menschen. Vielleicht ist er ja mehr als diese vier Eckpunkte ausmachen und ganz etwas anderes? 

Die vielen Fragebögen, die sich seit dem berühmten von Marcel Proust etabliert haben und bei denen eine Reihe von Prominenten auf stets die gleichen Fragen antworten, gehen mehr in die Tiefe. Sie fragen vor allem Einstellungen ab, die einen Menschen schon deutlich besser wahrzunehmen erlauben. Wenn er denn ehrlich geantwortet hat. Aber vielleicht ist er ja dennoch mehr und noch ganz etwas anderes?

Viel interessanter wäre natürlich zu wissen: Wie erlebt dieser Mensch einen Sonnenaufgang? Welchem Traum folgt er? Was geht in ihm vor, wenn er sich freut, wenn er traurig ist? Hat Musik für ihn Farben? Welchen Tätigkeiten erfüllen ihn so, dass er ganz darin aufgeht? 
Doch wer würde derlei einem großen Publikum wirklich erzählen? Und wenn - vielleicht wäre er ja mehr und noch ganz etwas anders als er selbst weiß?

Wir konstruieren von uns ein Außen-Bild, das wir anderen zeigen, eine Persona. Aber wir haben auch ein Bild von uns selbst, dem wir gerne genügen würden. Manchmal auch ein Bild, dem wir meinen genügen zu müssen. Weil andere das von uns verlangen oder weil wir selbst das tun. Oft tritt solch ein Selbstbild erst wirklich zutage, wenn es untauglich wird, weil es uns überfordert. Wir messen uns dann an diesem Bild und fühlen uns unzulänglich, unfähig, unbrauchbar, wertlos, klein. Vielleicht sind wir ja aber mehr, und ganz etwas anderes? 

 

Jesus jedenfalls sieht einen Menschen noch einmal ganz anders. Jenseits all dessen was er selbst und die anderen meinen das er sei. 

Man sieht das sehr schön an unserer Geschichte dieses sonderbaren Besuchs bei Jesus in Kapernaum. Rundherum ist einiges los: Kaum hat sich herumgesprochen, dass Jesus da ist, bildet sich schon eine Menschentraube vor der Tür. Alle wollen ihn erleben, wollen hören wie er von Gott erzählt, wie er vielleicht etwas Besonderes sagt oder tut. Vier von ihnen bringen einen Kranken zu ihm. Filmreif: Sie decken das Dach ab und lassen ihn auf ihrer Trage hinunter, anders ist kein Herankommen. 

In einer Fernsehshow würde der Mann auf der Liege, nennen wir ihn Baruch, jetzt vielleicht sagen: „Ich heiße Baruch Ben Johanan, ich bin 28 Jahre alt, und ich habe Gicht.“ Das definiert ihn in seinem Dorf. So sehen ihn alle, und viel mehr gibt es für sie vielleicht wirklich nicht über ihn zu sagen. Wenn er sich gut hineingefunden hat in die Rolle, die das Dorf im zugewiesen hat, hat er vielleicht gelernt, einfach ein guter, verträglicher Kranker zu sein.

 Jesus, still, konzentriert, in sich versunken, etwas erratisch, spricht ihn an wie aus einer völlig anderen Welt: “Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Damit meint er nicht, Gicht sei die Folge von Charakterfehlern. Krankheit sei eine Strafe für Fehlverhalten. Gott sei ein altmodischer Schulmeister, der ab und zu eine Lektion erteilt. Alles Unfug, der nur in den Köpfen der Zuschauer eine Rolle spielt. 


Die Schriftgelehrten haben noch ein anderes Problem: Dieser Jesus kann doch nicht einfach Sünden vergeben! Das darf doch nur Gott! Schon recht. Jesus könnte eine Debatte beginnen, ob er vielleicht von Gott Auftrag und Vollmacht dazu hat. Er ist viel schlauer: Er hat ja gar nicht gesagt: „Ich vergebe dir deine Sünden“. Er hat lediglich festgestellt: „Sie sind dir schon längst vergeben!“ Er teilt einfach eine Wahrheit mit. Er teilt diesem Menschen vor ihm auf der Liege mit, wie Gott ihn sieht. Wie aus einer andern Welt lässt er sozusagen das Licht Gottes auf diesen Menschen fallen, damit der sich einmal in diesem Licht betrachten und sich mit Gottes Augen sehen kann. Damit er heraustreten kann aus allen Festlegungen, die er selbst und andere für ihn getroffen haben. Damit er einmal frei ist. 

Das war nicht nur in Kapernaum so. Jesus sieht jede und jeden von uns noch einmal ganz anders an, er sieht uns im Licht der Liebe Gottes. Jenseits all dessen was wir meinen das wir seien. Baruch leidet unter Gicht. Aber das macht ihn doch nicht aus. Auch wenn er im Dorf „der Gichtbrüchige“ ist, so wie andere „die Krumme“, „der Depp“, „der Lügner“, „die Kupplerin“, „der Ehrenwerte“ sind und so weiter. Vielleicht – nein: ganz bestimmt ist Baruch mehr und noch ganz etwas anders. Das nämlich ist er, das macht ihn aus: „Deine Sünden sind dir vergeben!“

Natürlich hat auch Baruch seine Fehler. Wir alle haben welche. Auch ganz unansehnliche und ganz traurige. Vielleicht ist Baruch manchmal sogar richtig fies und auch noch stolz darauf, wir wissen es nicht. Vielleicht liegt oft auch nur ein Schatten auf seinen Augen, ein Schmerz in seinem Gesicht, vielleicht trägt er Wärme im Herzen, die nur selten aufscheint, wir wissen es nicht. 


„Das alles ist ganz unerheblich“, würde Gott zu Baruch sagen: „Ich mag dich nämlich. Mit all meiner Liebe umfange ich dich. So wie jeden anderen Menschen auf der Welt, einfach dich so wie du bist. Ich mag dich mit allem was zu dir gehört. Mit deinen lebendigen, vorzeigbaren Seiten und mit den finsteren, verletzten, kaputten, die du noch nicht einmal selbst an dir leiden kannst. Mit deinem Kleinglauben, deiner Angst, deiner Lieblosigkeit, egal. Und ich mag dich mit allem was aus dir werden kann. Von Herzen. Nichts soll dich von mir trennen. Deine Sünden sind dir vergeben!“

Und vielleicht würde Gott fortfahren: Schau bei dir selbst, komm dir auf die Spur, liebe dich so wie ich es tue. Nimm dich von Herzen an, auch mit dem was andere an dir für Schwäche halten (wir Heutigen wissen ja: jeder Schwäche korrespondiert auch eine besondere Stärke). Beginne dich zu lieben, würde Gott sagen, einfach dich. Ich, dein Gott, kann es ja auch. 

So taucht Jesus den Baruch in Gottes Licht. Und dann, noch eben zu den Schriftgelehrten gewandt: „Deine Sünden sind dir vergeben“ sagt sich doch wohl leichter als „Steh auf, nimm dein Bett und geh“, oder? Also, komm, steh auf, nimm dein Bett und geh! - Baruch nimmt sein Bett und geht.

 Wissen wir, was in der Tiefe diesen Menschen krank gemacht und ihm seine unsäglichen Schmerzen bereitet hat? Wir wissen es nicht. - Jesus empfiehlt keineswegs, Gicht solle man stets auf diese Art behandeln. Er sieht ja gerade keinen Fall vor sich, sondern diesen besonderen Baruch. Diesen Menschen bewegt er im Innersten, indem er ihn anblickt so wie Gott ihn sieht. Dass Gott ihn ohne Ende liebt, scheint dem Baruch Flügel zu verleihen.

Dass Gott Sie und mich ohne Ende liebt: Vielleicht verleiht das ja uns auch Flügel? Jedem von uns und jeder von uns andere, aber eben doch: Flügel? Schauen Sie doch einmal, ob Sie darüber etwas herausfinden. Amen. 

Herzlich grüsst Sie

Ihr Klaus Baltes