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Andacht für den 2.5.2021 von Carolina Baltes

Andacht zum Anhören          

Musik von Tatiana Varshavskaya an der Orgel

Fantasia del Sigr. Telemann aus den dem Notenbuch für Wolfgang, von Leopold Mozart.

Fantasia von J. P. Sweelinck

EG396 Jesu, meine Freude

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Liebe Gemeinde, 
wissen Sie noch, welches Lied Ihnen Ihre Eltern vorgesungen haben, als Sie noch ein kleines Kind waren? Das Sie beruhigt hat, wenn Sie nicht schlafen konnten? Wissen Sie noch, welche Lieder Sie gelernt haben als Konfirmand, als Konfirmandin? Welche Lieder die Orgel spielte und der Kirchenchor sang? Wissen Sie noch, welches Ihr Lieblingslied war, als Sie auf Ihrem ersten Konzert waren? Was Sie und Ihre Freunde immer gehört haben, bei den ersten Partys? Zu welchem Lied Sie vielleicht mit Ihrer ersten großen Liebe getanzt haben? 

Besondere Momente verbinden wir oft mit besonderen Liedern. Den Fall der Berliner Mauer mit „Wind of Change“ von den Scorpions. Die Trauerfeier für Lady Di mit Elton Johns „Candle in the Wind“. Überall begleitet uns Musik, und ich bin mir sicher, in jeder und jedem von uns klingt eine Fülle von Liedern und Melodien nach, die mit den Höhepunkten und Tiefpunkten des eigenen Lebens eng verbunden sind. 

Lieder helfen, unsere Stimmungen und Gefühle auszudrücken, und das ist gut für unseren Kopf und unser Herz: Ein Lied macht uns bewusst, was wir fühlen. Das ist nicht selbstverständlich, oft sind wir ganz unbewusst von unseren Gefühlen gesteuert. Und ein Lied bringt das, was wir fühlen, ins Fließen. Wir frieren dann nicht ein, sind dann nicht blockiert, sondern kommen in Bewegung. Dadurch können sich unsere Gefühle wandeln: Aus Wut wird vielleicht Enttäuschung, dann stellt sich Trauer ein, die sich in Trost verwandelt und schließlich vielleicht zu Mut wird. 

Musik kann das auch einfach so, ganz ohne Text. Besonders gut hilft sie uns, wenn eine Melodie mit einem Text zusammenwirken kann, der zu ihr passt. Und eine besondere Bedeutung bekommt für uns ein Lied dann, wenn die Gefühle, die von Text und Melodie transportiert werden, mit unseren eigenen Gefühlen in tiefer Resonanz sind. Resonanz in uns findet ein Lied, wenn es Saiten in uns selbst zum Klingen bringt, die sich genau danach gesehnt haben. Weil uns das ohne dieses Lied - nicht gelingen würde, sie zum Schwingen zu bringen. 

Viele der alten Kirchenlieder, etwa von Martin Luther oder Paul Gerhardt, wirken auf diese Weise und berühren über die Jahrhunderte hinweg tief unsere Herzen. 

Aber natürlich können auch neue Lieder so etwas: Viele davon haben schon längst einen festen Platz in unserem Liederschatz gefunden. Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ in der Vertonung von Siegfried Fietz ,– Eugen Eckerts „Bewahre uns Gott“ sind solche Lieder, um nur ein zwei zu nennen. 

Singet dem HERRN ein neues Lied.

Welche Lieder sind denn nun angemessen, um sie Gott zu singen? Jedes Lied, das uns hilft, uns selbst hier und jetzt wirklich wahrzunehmen und vor Gott auszudrücken. 

Wenn wir uns freuen über Schönes, Gelingendes, Glücksmomente, dann sind wir dankbar, dann helfen uns Lob- und Danklieder, uns das wirklich vor Augen zu stellen und tief zu fühlen und auszudrücken. Vielleicht helfen sie uns auch, anderen davon etwas zu erzählen, welche Wunder Gott in unserem Leben getan hat. Welche besonderen Menschen er uns an die Seite gestellt hat. Auf welchen Wegen er uns geführt hat.

Wenn wir uns ratlos fühlen und hilflos, wenn wir traurig sind, dann helfen uns andere Lieder, diese Gefühle vor Gott zu bringen. In Trauerliedern können wir vor Gott unser Leid tragen und ihm von all dem erzählen, was dunkel in unserem Leben ist.  

Wenn wir voller Zorn sind, aufgebracht und hilflos vor Wut, müssen wir vielleicht im Gesangbuch etwas länger blättern, aber auch diese Gefühle können in anklagenden Liedern vor Gott gebracht werden. 

Und wenn ich selbst keine Worte und keine Melodien finde, um auszudrücken, was ich fühle und vor Gott bringen will? Dann helfen mir manchmal die Psalmen. Sie sind eine ganz besondere Sammlung von Liedern für Gott, die über Jahrhunderte gewachsen ist und in der Bibel überliefert wird. Aus dem Psalter stammt unser Predigtvers und Wochenspruch von heute.

„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“ (Ps 98,1).

 

Ursprünglich wurden die Psalmen im Gottesdienst gesungen, von Einzelnen oder auch von einem Chor von Tempelsängern. Dazu wurde auf einer Fülle von Instrumenten musiziert. 150 Psalmen finden sich im Psalter der Bibel. Auch in anderen biblischen Büchern finden sich einige, zum Beispiel der Psalm des Jona, den er im Bauch des Wals gesungen hat, und zu dem wir hier in der Jonakirche ja eine besondere Beziehung haben. 

In den Psalmen finden Sie praktisch jedes Gefühl, dessen ein Mensch gegenüber Gott fähig ist: Freude und Dankbarkeit; Zweifel und Hoffnungslosigkeit; Lob und Vertrauen; Wut und Hass, Liebe und Zärtlichkeit. 

Doch manchmal genügen die alten Lieder nicht, so schön und so tiefgründig sie auch sein mögen. Manchmal muss man sein ganz eigenes Lied dichten, seiner Seele auf ganz eigene Weise Ausdruck geben, – und eben ein neues Lied singen: Das wussten schon die Psalmendichter:

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. 

In einem übertragenen Sinn geht das ja auch, ohne dass man dazu Noten aufschreiben und komponieren können muss: Unser ganz eigenes Lied dichten, unserem Lebenssinn folgen, unsere Melodie singen. 

Überlegen Sie einmal: 

Welches Lied möchten Sie Gott singen? Was beschäftigt Sie? Wovon wollen Sie Gott erzählen? Welche Töne wollen Sie anschlagen, um Gottes Ohr zu erreichen? 

Singen Sie Gott ein neues, Ihr neues, Ihr ganz eigenes Lied, denn er tut Wunder. Auch in Ihrem Leben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen

Herzlich grüßt Sie 

Ihre Carolina Baltes