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Hier ist die aktuelle Andacht zum Anhören          

Musik von Tatiana Varshavskaya an der Orgel

Fantasia del Sigr. Telemann aus den dem Notenbuch für Wolfgang, von Leopold Mozart.

Fantasia von J. P. Sweelinck

EG396 Jesu, meine Freude

Andacht für den 11.07.2021 von Klaus Baltes

„Herr, ich hatte Angst und vergrub dein Talent in der Erde. Schau, hier hast du zurück, was dir gehört.“ 

Matthäusevangelium 24,25

I.

Interessant und so anziehend, dass man wirklich gerne mit ihnen zusammen ist, sind ja nicht die Menschen, die von etwas getrieben sind; deren hektischer Blick verrät, wie dringend sie etwas zu bekommen suchen, was das Leben ihnen vorenthalten haben mag (anziehend sind sie vielleicht für andere Getriebene, aber das steht auf einem andern Blatt). 
Wirklich interessant sind die Menschen, von denen so etwas wie eine geerdete innere Leichtigkeit ausgeht. Menschen, die strahlen. Die etwas ausstrahlen, etwas geben, etwas verschenken, frei aus sich heraus. Menschen, die ihren inneren Reichtum spüren, die mit ihm in Kontakt sind, die guten Zugang zu diesem Reichtum haben und zu ihren Gaben, und die
aus vollem Herzen anderen daran Anteil geben. 

Solche Menschen werden nicht ärmer dadurch, dass sie mit andern teilen was sie in sich tragen – es tut ihnen selbst unglaublich gut, es bereichert sie. Und die andern bereichert es genauso. 

II.

Jesus erzählt Geschichten bisweilen ohne Rücksicht auf moralische Empfindlichkeiten. Er verwendet für das, was er sagen will, schon einmal Beispiele, die als solche überhaupt kein beispielhaftes Verhalten darstellen: Der gerissene Verwalter, der Schuldscheine fälscht (Lukas 16), der ungerechte Richter, der ein Urteil spricht nur um seine Ruhe zu haben (Lukas 18), der Schatzräuber (Matthäus 13) und eben die profittüchtigen Verwalter aus unserer Geschichte – alles keine Glanzlichter der Christenheit. Das braucht nicht zu irritieren: Die Gestalten der Gleichnisse und Erzählungen Jesu sollen gar keine Vorbilder sein. Sie sollen helfen, in den Köpfen und Herzen derer, die zuhören, ein Licht anzuzünden. 

III. 

Da hat nun also ein reisender Kaufmann sein Vermögen zuhause in der Heimat aufgeteilt auf drei Verwalter. Insgesamt eine riesige Summe. Mit jedem Teilbetrag konnte man damals durch Handel und Land­spe­kulation durchaus 100% Gewinn über ein paar Jahre einfahren (ob er die Geschäfte ethisch für gut hält, dazu sagt Jesus nichts, es geht ihm ja nicht darum, die Verwalter als Vor­bilder darzustellen). Selbst der vorsichtigste Verwalter mit dem kleinsten Teilbetrag hätte vermutlich etwas in der Größenordnung von – sagen wir - 0,001% erzielen können. Aber er kommt mit Null heraus. Er hat alles nur gut versteckt, damit nichts abhandenkommt, und liefert es 1:1 wieder ab. 

Wenn wir Angst haben zu versagen, machen wir oft nicht einmal den Versuch, ob es klappen könnte: Weil der andere nein sagen könnte, frage ich gar nicht erst. Weil etwas vielleicht nicht auf Anhieb funktionieren könnte, übe ich erst gar nicht, dorthin zu gelangen wo es das dann möglicherweise täte - wir kennen das. 

Wenn wir Angst haben, wir seien im Leben zu kurz gekommen, dann fühlen wir uns, als hätten wir gar nichts, das wir überhaupt investieren könnten. Weniger finanziell, vielmehr seelisch. Die eigenen Talente, die Gott uns geschenkt hat, nehmen wir gar nicht erst in Besitz, wollen sie nicht einmal wahrhaben und schon gar nicht einsetzen. Wir reden sie klein, werten sie ab, bemerken sie vielleicht gar nicht. 

Aber wir versinken dann in Lebenstraurigkeit. Denn wir spüren auf der anderen Seite, dass etwas uns fehlt. Oder wir beginnen draußen, bei andern, das zu suchen, was wir meinen zu vermissen und was wir doch in uns selbst finden könnten, wenn wir nur in Kontakt damit kämen. 

Helfen können uns in einer solchen Situation Freundinnen und Freunde, manchmal sogar Außenstehende, die uns hinweisen auf Gaben, die wir selbst oft nicht bemerken: „Du hast aber eine wunderschöne, tragende Stimme!“ – „Sie können einfach beneidenswert gut zuhören, und zwar wirklich zuhören!“ – „Wenn ich dir etwas erzähle, du findest immer eine positive Wendung für jedes Problem!“ - Solche Hinweise sind Gold wert. Sie setzen uns manchmal auf die Spur von Talenten, die wir gerade dabei waren zu vergraben, wo wir doch aus ihnen reichen Ertrag ziehen könnten, nicht bloß für uns. Für die andern ja auch – Sie sind doch auch lieber mit Menschen zusammen, die strahlen: Menschen, die ihren inneren Reichtum spüren, die mit ihm in Kontakt sind, guten Zugang zu ihm haben und aus vollem Herzen anderen daran Anteil geben. 

IV. 

Hinter aller Angst, die uns im Leben packen und umtreiben kann, steht noch etwas Tieferes. Das könnte wohl auch der Grund sein, warum Jesus diese Geschichte erzählt: Hinter allem andern lauert die abgründige Angst, vielleicht doch letztlich allein in der Welt zu stehen. Die Angst, ohne Gott sein zu müssen, ohne Liebe, ohne Segen, ohne ein rettendes „Ja“, das nur Gott zu uns sagen könnte. 

Was die Bibel „Sünde“ nennt, ist im Kern diese Angst: Ohne Gott leben zu müssen, Gott näm­lich nicht trauen zu können. Die Angst des Verwalters vor einem strengen Gerichtsherrn; die Angst Adams und Evas, der verbotene Baum könnte doch etwas Lebenswichtiges tragen und Gott habe schlecht für sie gesorgt; die Angst, unsere Seele hätte am Ende zum Leben nicht genug, schon gar nichts zum Verschenken, zum Teilen, zum Strahlen. 

Unsere Geschichte ist nur mit Jesus zusammen eine wahre Geschichte, ohne ihn ist sie es nicht. Von ihm wissen eigentlich alle die ihm zuhören: Die Angst des Verwalters ist falsch. Hinter dem Kaufmann scheint Jesus selbst auf, und der ist nicht „gestreng“. Er erntet nicht, wo er nicht auch gesät hat. Er rettet jedes Schaf, das in den Brunnen fällt. Sein ganzes Leben predigt einen Gott, dem wir vertrauen können, einen Gott, der uns liebt. Sein ganzes Leben lebt er aus diesem Gott, auch wenn er weiß: „In der Welt habt ihr Angst“, weiß er doch auch: Ich braucht keine zu haben. Amen

Herzlich grüsst Sie

Ihr Klaus Baltes