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Andacht für den 23.5.2021 von Klaus Baltes

Andacht zum Anhören          

Musik von Tatiana Varshavskaya an der Orgel

Fantasia del Sigr. Telemann aus den dem Notenbuch für Wolfgang, von Leopold Mozart.

Fantasia von J. P. Sweelinck

EG396 Jesu, meine Freude

„Wer von euch würde nicht das Schaf suchen gehen?“

                                                                                                          Lukasevangelium 15, 4

I.

Kleine Kinder können manchmal nicht einschlafen, weil sie im Dunkeln Angst haben. Genauer: weil sie keine Vorstellung haben, dass es so etwas wie ein „Morgen“ geben könnte. Sie fühlen sich hilflos verlassen. 
Wir Erwachsenen sind bisweilen völlig rastlos, weil wir in der Welt Angst haben. Genauer: weil wir keine Vorstellung haben, dass Gott so etwas wie Geborgenheit für uns bedeuten könnte. Wir fühlen uns hilflos verlassen.
Manchmal kommen wir einfach nicht heran an unsere seelischen Quellen: Wir finden keinen Anker in uns, der Boden bricht uns unter den Füßen weg. Wir fühlen uns verloren.
Würde man Jesus dazu fragen, er würde wohl sagen: Ihr Menschen habt etwas von Kindern an euch – und dann auch wieder nicht. Ihr merkt nicht, wie Gott überall um euch ist. Ich merkt nicht, wie seine Engel euch behüten. Ihr merkt vor allem nicht, dass Gott euch grenzenlos mag und dass nichts euch von ihm trennen kann. Ihr spürt ja nicht einmal euch selber. Ihr spürt nicht einmal euer eigenes Gefühl der Verlassenheit, eure Einsamkeit, ihr spürt nicht eure Hartherzigkeit, die sich oft hinter der Einsamkeit verbirgt. Ihr spürt nicht, von wieviel Glück und Freundschaft und Liebe ihr umgeben seid, ihr spürt nicht die Zuneigung derer, die euch von Herzen mögen, und die Zuneigung Gottes spürt ihr schon gar nicht. Ihr nehmt nur wahr, was ihr seht, sagt ihr. Ach wo, in Wahrheit ja doch nicht einmal das.

II. 

Manche regen sich auf über diesen Jesus. „Er nimmt die Sünder an und isst mit ihnen!“ 
Jesus bleibt freundlich. Eigentlich müsste er ihnen wieder einmal sagen: Ja Freunde, das ganze Konzept „Sünde“, das ihr in euren eingebildeten Pharisäerköpfen habt, ist schief. Gott sieht das ganz anders. Ihr tut so als sei das Wichtigste am Menschen, was jemand tut. Unsinn. Das Wichtigste am Menschen ist, dass Gott ihn von Herzen liebt! 

Stellt euch vor – und dann erzählt er, farbenfroh, detailreich, malt ihnen ein Bild vor Augen: Da, wo das judäische Bergland in die Steppe übergeht; wo das Gras nur noch für Schafe taugt; wo kaum mehr Wasserstellen zu finden sind: dort draußen zählt am Abend ein Hirte seine Herde. Ein Schaf fehlt. Ist es in einer Felsspalte hängen geblieben? Hat es sich verletzt? Hat ein Raubtier es gerissen? War es neugierig alleine losgezogen und hat sich verlaufen? Egal. Wer von euch würde nicht sofort aufbrechen und es suchen? – Rhetorische Frage? Wohl nicht: Könnte schon sein, dass Pharisäer kühl abwägen würden, was das Schaf wirtschaftlich bringt, und ob es lohnt es zu suchen. 

Was ein richtiger Hirte ist, sagt Jesus, der zieht los. Der liebt nämlich sein Schaf. Wertvoll ist ein Schaf nicht weil es etwas Besonderes tut oder viel einbringt, sondern weil es ist. Wertvoll ist ein Mensch nicht, weil er etwas leistet oder man gut an ihm verdienen kann, sondern weil er ist. Sich einem Kind zuwenden, einfach weil es ein Kind ist; sich einem Kranken zuwenden, einfach weil er krank ist. Sich einer Obdachlosen zuwenden, einfach weil sie obdachlos ist, das wäre es! Gott jedenfalls - der Hirte zeigt es - Gott begegnet uns so. 

III. 

Das Schaf hockt irgendwo weit abseits, voller Furcht, alleine. Es ist getrennt von allen. Und es hat Angst, dass vielleicht der Hirte es nicht genug mögen könnte um sich die Mühe zu machen es zu finden. Diese Angst ist das Schlimmste. Nicht nur einsam zu sein, sondern vielleicht verstoßen zu sein, nicht gemocht, verlassen. 

Diese Art von Verlassenheit zeigt, was Sünde wäre: Ohne Beziehung zu Gott leben, von ihm nicht gemocht werden, von ihm verlassen sein und verstoßen. Absolute Einsamkeit. Sünde ist nicht in erster Linie etwas das Menschen tun. Sünde ist zu allererst ein Getrenntsein von Gott. Und, ja, sagt Jesus, das ist der Mensch schon auch. Aber das ist nicht das Wesentliche an ihm. Wesentlich ist, dass Gott diesen Zustand beendet. Dass er diese Einsamkeit mit lauter Zuneigung füllt, dass er die Angst vertreibt und sie in Freude verwandelt. Wichtig ist, dass Gott seine Schafe von Herzen gern hat. 

Das Schaf gibt keinen Laut von sich. Erst wie es den Hirten bemerkt, lässt es ein zaghaftes „Mäh“ vernehmen. - Der Hirte läuft die letzten Meter, als er es hört, und obwohl er völlig fertig ist vom Tag und vom Suchen und Bergsteigen hinter dem Schaf her, hat er doch noch mehr als genug Freude in den Füßen, es über der Schulter zu tragen, nach Hause, um dort mit Freunden zu tanzen und zu feiern. 

Er freut sich unendlich, der Hirte. So ist das mit Gott, sagt Jesus. Und jetzt begreift auch das Schaf: „Der Hirte mag mich ja! Er hat sich die Mühe gemacht mich zu suchen, hurra! Ich bin ihm nicht gleichgültig!“ Das Schaf blickt auf sich nicht mehr mit den Augen seiner Furcht und seiner Verlorenheit, sondern mit den Augen des Hirten. Diese Blickwende genügt: Es erkennt, der Hirte und es, sein Schaf, sind in Wahrheit ein Herz und eine Seele. 

IV. 

„Ein Sünder, der Buße tut“ – daran weiden sich die Pharisäer normalerweise. Vielleicht auch die inneren Pharisäer in uns selbst. „Ein Sünder, der Buße tut“, das klingt so wie: „Einer, dem sie es mal gezeigt haben und der jetzt geduckt geht“. – Voll daneben! Ganz im Gegenteil:

Diese Buße, diese Umkehr, diese Wendung ist eine Blickwendung. Sonst nichts. Sich selbst endlich einmal mit Gottes Augen sehen. Gott einfach mal seine Zuneigung und seine Liebe glauben. Ihm einfach abnehmen, dass er uns mag, Sie und mich, und dass nichts uns von ihm trennt. Von einem Bußgang des Schafes in härenem Gewand wird immerhin nichts erzählt. Überhaupt tut das Schaf ja reichlich wenig, genaugenommen nichts. Selbst das „Mäh“ taucht ja nur in meiner Version der Geschichte auf. Das Schaf lässt sich einfach beschenken. Das Wesentliche an einem Schaf ist ja auch nicht, dass es etwas Besonderes tut oder einbringt, sondern dass es ist und dass der Hirte es unendlich gern hat. 

In dem Augenblick, in dem das Schaf sich selbst mit dem Blick des Hirten sieht, kann das Fest losgehen. Freuen Sie sich einfach, dass der Hirte uns unendlich liebt! Amen.

Herzlich grüsst Sie

Ihr Klaus Baltes